Coronatag 100: (m)ein Kommentar

Kehrt die Dummheit zurück ?

 

Vor 2 Wochen erlebten wir den Tag 100 der Coronakrise in unserer Ordination. Viele Abläufe wurden vor über 3 Monaten auf den Kopf gestellt, aber wir waren die ganze Zeit für unsere Patienten erreichbar. Seit 14 Tagen steigt die Zahl der Patienten, die mit seit 3 Monaten verschleppten Beschwerden oder Banalitäten – für die sie 3 Monate sicher keinen Arzt gebraucht haben- in die Ordination kommen. Auffällig ist auch die exponentielle Zunahme der Arztbriefe aus den Spitälern. Die letzte Woche – bevor ich meine Mitarbeiterinnen, die mit mir motiviert durchgehalten und in der Hochphase auf Ihren Urlaub verzichtet hatten, endlich in die Freizeit entließ – war jedoch auffällig heftig garniert mit vermehrten de-ja-vu-Erlebnissen, die die Hoffnung nach der Krise auf Besserung unserer Systemverhältnisse rasch verfliegen ließen…

Eine 90-jährige Patientin, bei der ich vor kurzem eine mittelgradige Demenz feststellen konnte, wurde nach einem Schenkelhalsbruch erfolgreich operiert. Bei einer Kontrolle bereits auf Remob musste sie 4 Stunden ohne Nahrungsversorgung auf ihren Termin warten. Fazit: ein Delir und die Einweisung in die Psychiatrie. Dort wurde nach der offensichtlichen Ursache nicht einmal gefragt. Könnte es sein, dass man nicht mehr lernt, eine problemorientierte bio-psycho-soziale Anamnese zu führen?

Eine andere Patientin, fit und geistig rege, erlitt bei der Haltestelle neben unserer Ordination einen Schenkelhalsbruch. Rettungskette und rasche Operation waren vorbildlich. Nach der ersten Beübung durch den Physiotherapeuten bekam sie heftigste Schmerzen im Op-Bereich. Nach einer Woche vollgepumpt mit Opiaten rief sie mich an, sie solle entlassen werden. Ich verweigerte die Übernahme und bestand auf einem Röntgen. Ergebnis: Refraktur im Prothesenbereich. Könnte es sein, dass man nicht mehr lernt, den Patienten anzugreifen und zielgerichtet zu untersuchen?

Ein Patient, Mitte 50, mit metastasierendem Ca im Darmbereich, kommt gehend in die Klinik und wird tragischerweise nach drei Wochen mit Port-a-Cath und parenteraler Ernährung entlassen. Aber das an einem Freitag ohne Vorbereitung aller Maßnahmen zu Hause! Nur gut, dass die Gattin privat eine Notlösung organisieren konnte. Könnte es sein, dass man intramural noch immer nicht weiß, welche Mühen es kostet, im häuslichen Bereich eine palliative Betreuung aufzustellen?

Eine 94-jährige hervorragend von den beiden Töchtern betreute Patientin (Parkinson, bettlägerig, aber selbst essend und in den Rollstuhl mobilisierbar) lässt sich in der Früh nicht erwecken, atmet aber bei normalem Puls und niederem Druck. Die Familie hat meine Handynummer und erreicht mich um ca 10:00 privat auswärts. Mein Rat: Abwarten. Um 11:30 der freudige Anruf: Oma sitzt beim Frühstück und lässt mich grüßen. Ich bin verunsichert über einen akuten Transport ins Krankenhaus. Aber könnte es sein, dass man hochbetagte Menschen immer noch behandeln will wie junge Patienten?

Dann noch die Patientin mit langsam wachsendem Adeno-Ca der Lunge. Vor 7 Jahren hat sie mit 84 eine Behandlung verweigert. Jetzt kam eine Kachexie dazu. Das appetitanregende Cannabis-Präparat Dronabinol war nach 6 Tagen und mehreren Faxen noch immer nicht bewilligt – eine junge Chefärztin bemängelte letztendlich, dass ich das Titrations-Schema nicht auf den Tropfen genau übermittelt habe. Ich habe mich in meiner 33-jährigen Karriere als Hausarzt noch nie so laut am Telefon vergessen. Regt sich nach 3 Monaten „Lock-Down“ wieder das unsägliche Misstrauen der Sozialversicherung gegenüber den Primärversorgern, auch wenn diese einschlägige Zusatzfächer haben und ich sogar unterdurchschnittliche Verordnungskosten?

Zuletzt der gleichbleibende Skandal seit Jahren, dass wir das in der Palliativmedizin oft so dringende Medikament Temesta expidet nur kompliziert über einzige Apotheke österreichweit per chefärztlicher Bewilligung bekommen. Es ist also akut nicht verfügbar. Eine Voraus-Bewilligung wurde abgelehnt. Also bleibt uns nur das Geschenk aus unverhofften Reserven. Hat die permanente „Weiterentwicklung“ der Sozialversicherung zu einem bürokratischen Starrsinn geführt, unter dem Patienten leiden? Alle diese Fälle erlebte ich in „Woche 1 nach Coronawelle 1“. Wenn das so weitergeht, kommen schon Gedanken, doch vorzeitig das Handtuch zu werfen. Hauptgrund: der mangelnde Respekt der Entscheidungsträger dem Patienten gegenüber (Vertragspartner 1) und das ständige Misstrauen und die Bevormundung von uns Hausärzten (Vertragpartner 2). Wundert es da, dass die jungen Kollegen sich nicht einmal um viel Geld dieser vielschichtigen Verantwortung aussetzen wollen!? Solange hier nicht ein echter Wertschätzungsschub kommt, sichtbar in fachgerechter Ausbildung, fachlicher Begleitung hinaus in die Praxis und Abbau des historisch festgefahrenen Standesdünkels, können populistische Politiker noch so viel Geld den jungen Startern nachschmeißen, sie werden die HAUSärztliche Primärversorgung nicht retten können. Und da sollte noch jemand sagen, unsere bio-psycho-sozialen Kernkompetenzen rechtfertigen nicht die Bezeichnung Facharzt. Aber dann muss man es auch von der Pike an gelernt haben.