{"id":1626,"date":"2020-08-08T09:55:22","date_gmt":"2020-08-08T07:55:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/?p=1626"},"modified":"2020-08-08T13:01:15","modified_gmt":"2020-08-08T11:01:15","slug":"coronatag-100-mein-kommentar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/?p=1626","title":{"rendered":"Coronatag 100: (m)ein Kommentar"},"content":{"rendered":"<h2><span style=\"font-size: large;\"><b>Kehrt die Dummheit zur\u00fcck ?<\/b><\/span><\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor 2 Wochen erlebten wir den Tag 100 der Coronakrise in unserer Ordination. Viele Abl\u00e4ufe wurden vor \u00fcber 3 Monaten auf den Kopf gestellt, aber wir waren die ganze Zeit f\u00fcr unsere Patienten erreichbar. Seit 14 Tagen steigt die Zahl der Patienten, die mit seit 3 Monaten verschleppten Beschwerden oder Banalit\u00e4ten &#8211; f\u00fcr die sie 3 Monate sicher keinen Arzt gebraucht haben- in die Ordination kommen. Auff\u00e4llig ist auch die exponentielle Zunahme der Arztbriefe aus den Spit\u00e4lern. Die letzte Woche &#8211; bevor ich meine Mitarbeiterinnen, die mit mir motiviert durchgehalten und in der Hochphase auf Ihren Urlaub verzichtet hatten, endlich in die Freizeit entlie\u00df &#8211; war jedoch auff\u00e4llig heftig garniert mit vermehrten de-ja-vu-Erlebnissen, die die Hoffnung nach der Krise auf Besserung unserer Systemverh\u00e4ltnisse rasch verfliegen lie\u00dfen&#8230;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine 90-j\u00e4hrige Patientin, bei der ich vor kurzem eine mittelgradige Demenz feststellen konnte, wurde nach einem Schenkelhalsbruch erfolgreich operiert. Bei einer Kontrolle bereits auf Remob musste sie 4 Stunden ohne Nahrungsversorgung auf ihren Termin warten. Fazit: ein Delir und die Einweisung in die Psychiatrie. Dort wurde nach der offensichtlichen Ursache nicht einmal gefragt. K\u00f6nnte es sein, dass man nicht mehr lernt, eine problemorientierte bio-psycho-soziale Anamnese zu f\u00fchren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine andere Patientin, fit und geistig rege, erlitt bei der Haltestelle neben unserer Ordination einen Schenkelhalsbruch. Rettungskette und rasche Operation waren vorbildlich. Nach der ersten Be\u00fcbung durch den Physiotherapeuten bekam sie heftigste Schmerzen im Op-Bereich. Nach einer Woche vollgepumpt mit Opiaten rief sie mich an, sie solle entlassen werden. Ich verweigerte die \u00dcbernahme und bestand auf einem R\u00f6ntgen. Ergebnis: Refraktur im Prothesenbereich. K\u00f6nnte es sein, dass man nicht mehr lernt, den Patienten anzugreifen und zielgerichtet zu untersuchen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Patient, Mitte 50, mit metastasierendem Ca im Darmbereich, kommt gehend in die Klinik und wird tragischerweise nach drei Wochen mit Port-a-Cath und parenteraler Ern\u00e4hrung entlassen. Aber das an einem Freitag ohne Vorbereitung aller Ma\u00dfnahmen zu Hause! Nur gut, dass die Gattin privat eine Notl\u00f6sung organisieren konnte. K\u00f6nnte es sein, dass man intramural noch immer nicht wei\u00df, welche M\u00fchen es kostet, im h\u00e4uslichen Bereich eine palliative Betreuung aufzustellen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine 94-j\u00e4hrige hervorragend von den beiden T\u00f6chtern betreute Patientin (Parkinson, bettl\u00e4gerig, aber selbst essend und in den Rollstuhl mobilisierbar) l\u00e4sst sich in der Fr\u00fch nicht erwecken, atmet aber bei normalem Puls und niederem Druck. Die Familie hat meine Handynummer und erreicht mich um ca 10:00 privat ausw\u00e4rts. Mein Rat: Abwarten. Um 11:30 der freudige Anruf: Oma sitzt beim Fr\u00fchst\u00fcck und l\u00e4sst mich gr\u00fc\u00dfen. Ich bin verunsichert \u00fcber einen akuten Transport ins Krankenhaus. Aber k\u00f6nnte es sein, dass man hochbetagte Menschen immer noch behandeln will wie junge Patienten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann noch die Patientin mit langsam wachsendem Adeno-Ca der Lunge. Vor 7 Jahren hat sie mit 84 eine Behandlung verweigert. Jetzt kam eine Kachexie dazu. Das appetitanregende Cannabis-Pr\u00e4parat Dronabinol war nach 6 Tagen und mehreren Faxen noch immer nicht bewilligt &#8211; eine junge Chef\u00e4rztin bem\u00e4ngelte letztendlich, dass ich das Titrations-Schema nicht auf den Tropfen genau \u00fcbermittelt habe. Ich habe mich in meiner 33-j\u00e4hrigen Karriere als Hausarzt noch nie so laut am Telefon vergessen. Regt sich nach 3 Monaten \u201eLock-Down\u201c wieder das uns\u00e4gliche Misstrauen der Sozialversicherung gegen\u00fcber den Prim\u00e4rversorgern, auch wenn diese einschl\u00e4gige Zusatzf\u00e4cher haben und ich sogar unterdurchschnittliche Verordnungskosten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuletzt der gleichbleibende Skandal seit Jahren, dass wir das in der Palliativmedizin oft so dringende Medikament Temesta expidet nur kompliziert \u00fcber einzige Apotheke \u00f6sterreichweit per chef\u00e4rztlicher Bewilligung bekommen. Es ist also akut nicht verf\u00fcgbar. Eine Voraus-Bewilligung wurde abgelehnt. Also bleibt uns nur das Geschenk aus unverhofften Reserven. Hat die permanente \u201eWeiterentwicklung\u201c der Sozialversicherung zu einem b\u00fcrokratischen Starrsinn gef\u00fchrt, unter dem Patienten leiden? Alle diese F\u00e4lle erlebte ich in \u201eWoche 1 nach Coronawelle 1\u201c. Wenn das so weitergeht, kommen schon Gedanken, doch vorzeitig das Handtuch zu werfen. Hauptgrund: der mangelnde Respekt der Entscheidungstr\u00e4ger dem Patienten gegen\u00fcber (Vertragspartner 1) und das st\u00e4ndige Misstrauen und die Bevormundung von uns Haus\u00e4rzten (Vertragpartner 2). Wundert es da, dass die jungen Kollegen sich nicht einmal um viel Geld dieser vielschichtigen Verantwortung aussetzen wollen!? Solange hier nicht ein echter Wertsch\u00e4tzungsschub kommt, sichtbar in fachgerechter Ausbildung, fachlicher Begleitung hinaus in die Praxis und Abbau des historisch festgefahrenen Standesd\u00fcnkels, k\u00f6nnen populistische Politiker noch so viel Geld den jungen Startern nachschmei\u00dfen, sie werden die HAUS\u00e4rztliche Prim\u00e4rversorgung nicht retten k\u00f6nnen. Und da sollte noch jemand sagen, unsere bio-psycho-sozialen Kernkompetenzen rechtfertigen nicht die Bezeichnung Facharzt. Aber dann muss man es auch von der Pike an gelernt haben.<\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kehrt die Dummheit zur\u00fcck ? &nbsp; Vor 2 Wochen erlebten wir den Tag 100 der Coronakrise in unserer Ordination. Viele Abl\u00e4ufe wurden vor \u00fcber 3 Monaten auf den Kopf gestellt, aber wir waren die ganze Zeit f\u00fcr unsere Patienten erreichbar. 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