{"id":3750,"date":"2022-01-27T17:38:00","date_gmt":"2022-01-27T15:38:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/?p=3750"},"modified":"2022-02-01T07:41:27","modified_gmt":"2022-02-01T05:41:27","slug":"covid-19-endemie-ende-nie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/?p=3750","title":{"rendered":"Covid-19: Endemie Ende nie. Eine Polemik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der H\u00f6hepunkt der aktuellen Welle ist noch nicht einmal erreicht &#8211; im Gegenteil, vielerorts explodieren die Infektionszahlen munter weiter &#8211; , schon werden erste Stimmen laut, bald sei es mit Corona vorbei. Unsere &#8222;alte Normalit\u00e4t&#8220; k\u00e4me uns zum Greifen nahe. Dank <em>Omikron<\/em> &#8211; und der Tatsache, dass sich derma\u00dfen viele anstecken &#8211; , sei eine Art Herdenimmunit\u00e4t in Reichweite. Das war&#8217;s, der letzte harte Winter. Ein bisschen Impfl\u00fccken auff\u00fcllen, ein paar Witwen tr\u00f6sten, und dann endlich&#8230; Juhuu, die Endemie winkt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sch\u00f6n w\u00e4r&#8217;s! Oder etwa nicht? <!--more-->Selbst Nicht-VirologInnen macht dieser pl\u00f6tzliche Zweckoptimusmus stutzig, nicht zuletzt, weil sogar einzelne ExpertInnen vom Fach, die es besser wissen m\u00fcssten, das neuerdings hinausposaunen: Augen zu und durch, bald ist&#8217;s \u00fcberstanden. Doch solche Schl\u00fcsse zu ziehen (<em>Omikron<\/em> als willkommener \u00dcbergang zur lang ersehnten Normalit\u00e4t), ist nur m\u00f6glich, wenn dabei Variablen sowie Unbekannte ausgeblendet werden. Die Rechnung erweist sich als wenig weitsichtig und sie geht nur dann auf, wenn die aktuelle Mutante quasi als finale Stufe der SARS-Evolution betrachtet wird, <a href=\"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/?p=3548\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">als sei diese mild<\/a> genug und als k\u00e4me fortan blo\u00df belangloses nach. Ist dem tats\u00e4chlich so?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand kann in die Zukunft blicken. Und es w\u00e4re nicht das erste Mal, dass uns eine Normalit\u00e4t in Aussicht gestellt wird, v\u00f6llig verfr\u00fcht. Andere VirologInnen bezweifeln daher diese Ansicht und widersprechen dem vorschnellen Optimismus ihrer KollegInnen. Ohnehin steht bereits eine <em>Omikron<\/em>-Subvariante in den Startl\u00f6chern, von der Sie wohl noch h\u00f6ren werden (<em>BA.2<\/em>, nach der Ebbe kommt die Flut). Abgesehen davon sind selbst elementare Fragen zur effektiveren wie medikament\u00f6sen Behandlung teils unbeantwortet, <a href=\"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/?p=2670\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Long Covid<\/a> bisher nicht gezielt heilbar. Ja, es ist nicht einmal zur G\u00e4nze verstanden, was Corona im K\u00f6rper alles an Schaden anrichtet. Wie kann sich da irgendwer auf eine Endemie freuen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinzu kommt, dass sich genausogut neuartige Varianten herausbilden k\u00f6nnen, mit erneut mehr <em>Immune<\/em> <em>Escape <\/em>oder anderen Eigenschaften. Die k\u00f6rpereigene Abwehr w\u00fcrde wieder ausgetrickst, der Impfschutz unterlaufen, und damit der erhoffte <em>Omikron<\/em>-Effekt rasch verpuffen&#8230; Halt, Moment! Hatten wir das nicht gerade eben? <em>Alpha<\/em>, <em>Delta<\/em>, keines war erfreulich. Immer dachten wir, es geht nimmer schlimmer. Und jetzt ist das neue <em>Omikron<\/em> noch nicht einmal ausgestanden, und schon wieder die alten Denkmuster: gleich ist&#8217;s mit der Pandemie vorbei, Z\u00e4hne zusammenbei\u00dfen. Von wegen! Vielmehr sei die Frage erlaubt: Wer lernt hier nicht dazu?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur das Virus? Das w\u00e4re alles andere als zielf\u00fchrend. Denn das entwickelt sich laufend weiter. Unsere Meinung, die ist <em>Omikron<\/em> reichlich egal. Nur der Impfstatus z\u00e4hlt. Soviel ist bekannt. Das soll Sie nicht entmutigen. Ein Weg aus dem Dilemma wird sich finden, auch bessere Therapieans\u00e4tze. Bestimmt. Doch der Endemie-Diskurs momentan, der \u00e4hnelt lediglich einer m\u00fc\u00dfigen Glaubensfrage &#8211; wann kommt das Ende? &#8211; , und schadet der Sache mehr als er nutzt. Wer soll im Hier &amp; Jetzt Schutzma\u00dfnahmen Ernst nehmen, all die Entbehrungen tagt\u00e4glich auf sich nehmen, wenn medial breitgetreten wird, welche Vorteile wir der Durchseuchung zu verdanken h\u00e4tten? Bald ohnehin alle genesen oder geimpft! Den Toten gedenken. Kerze an. Pandemie-Aus. Happy-End. <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So einfach ginge es. Wann wo welche &#8222;G&#8220; gelten und mit wievielen Plus? Davon haben die meisten sowieso die Nase voll. Verst\u00e4ndlicherweise. Wenig verwunderlich, dass im Corona-Alltag in Wahrheit l\u00e4ngst alle tun, wie er\/sie es gerade glaubt, weniger was vorgeschrieben ist (wie der zahnlose Lockdown f\u00fcr Ungeimpfte zeigt) oder medizinisch eigentlich ratsam w\u00e4re (au\u00dfer es gibt was auf die Finger). Nachvollziehbar mag das ja sein, so eine Trotzreaktion, jedoch wenig hilfreich zur Pandemie-Bek\u00e4mpfung. Dem Virus l\u00e4sst es v\u00f6llig kalt, wer was aus welchen Motiven heraus tut (oder nicht tun mag). Jetzt noch eine Portion falsche Hoffnung und \u00fcberh\u00f6hte Erwartung dazu, und die Sache ist gelaufen, ganz gleich, ob Sie oder ich das wollen: der endemische Zustand kommt von selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;G&#8220; zum Teufel. Auf die Weise w\u00fcrde die Entwicklung irgendwann sowieso ungebremst, das Infektionsgeschehen hierzulande &#8222;endemisch&#8220;. Wer das gutheisst, sollte sich im Klaren sein, dass es in Folge auch weiterhin wen hart und unfair treffen wird, und das auch im eigenen pers\u00f6nlichen Umkreis (oder direkt Sie), die nie gefragt wurden, ob sie das m\u00f6chten, sich ihren pl\u00f6tzlichen Schicksalschlag nicht ausgesucht haben, sondern damit leben lernen m\u00fcssen, w\u00e4hrend ihre Nachbarn vergn\u00fcgt auf Urlaub fliegen. F\u00fcr den Fall der F\u00e4lle gibt es immerhin Wartelisten f\u00fcr einen Reha-Platz oder eine psychologische Betreuung f\u00fcr die Hinterbliebenen. Leuten, die gerne Party machen, wird das wurscht sein. Denen ist die Frage der Sperrstunde wichtiger. Denn das&#8230; das ist Endemie!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn was bedeutet Endemie real? Endemie ist kein \u00dcbergang in einen &#8222;h\u00f6heren Zustand&#8220;, den wir voller Weisheit anstreben, sondern tritt ein, sobald das Virus f\u00fcr &#8218;die Menschheit&#8216; als verkraftbar gilt. Was allerdings als verkraftbar gilt, ist Verhandlungssache. Es stellt mit Sicherheit nicht das Ende der Erkrankung dar. Auch Malaria ist endemisch. Einzelpersonen werden weiter damit ringen. Gesellschaftlich kommt der \u00dcbergang daher eher einem Ende von gegenseitiger Solidarit\u00e4t nahe, wohingegen sich das Virus in Teilen der Bev\u00f6lkerung festsetzt. Zumindest sollte die \u00d6ffentlichkeit das bef\u00fcrchten bzw. sich Gedanken \u00fcber negative Konsequenzen machen, statt vorschnell eine Endemie herbeizusehen. In Folge wird n\u00e4mlich jedeR selber schaun m\u00fcssen, wo er\/sie bleibt&#8230;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Der Unterschied zwischen <\/em><br \/><em>einer <\/em>Pandemie <em>und einer <\/em>Endemie<em>: <\/em><br \/><em><strong>eine Endemie endet nie<\/strong>.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more-->Wurde die Pandemie f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt, werden damit zusammenh\u00e4ngende Beschr\u00e4nkungen weitgehend aufgehoben. Ein &#8222;G&#8220; nach dem anderen f\u00e4llt weg. Dass die urspr\u00fcnglich nicht dazu da waren, die Bev\u00f6lkerung zu nerven, sondern alle Mitglieder gleicherma\u00dfen vor <em>Covid<\/em> zu sch\u00fctzen, ist vergessen. Die Leute freuen sich dar\u00fcber. Kein Problem. Die Krankenh\u00e4user sind aufnahmebereit. Das Virus hingegen zirkuliert frei, dauerhaft. Das eigentlich, und nur das, bedeutet &#8222;endemisch&#8220;. Aber eine Maske aufsetzen, das wird keineR mehr extra f\u00fcr Sie, au\u00dfer Sie sind streitsam genug. Toi, toi, toi.\u00a0 Doch ausgerechnet Sie haben Pech? Ein Bett mit Beatmung steht f\u00fcr Sie bereit. Sie br\u00e4uchten blo\u00df durchzuhalten.\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endemie hat also wenig mit dem Ende von Corona zu tun, noch weniger mit dem Ende allen Leids. Insbesondere ist es kein anzustrebender Zustand gro\u00dfer Gl\u00fcckseeligkeit, wie es im Moment das Gerede in den Medien suggeriert, sondern es ist schlicht auf lange Sicht ein notwendiges \u00dcbel. Voraussetzung daf\u00fcr ist, dass es weniger Mitmenschen schwer (oder gar t\u00f6dlich) trifft, zumindest nicht h\u00e4ufiger als unser Gesundheitssystem das verkraften kann. Wo diese Grenze jedoch exakt liegt? Das definieren weder Sie noch ich. Wegfallen tun daf\u00fcr die allgemeinen Schutzma\u00dfnahmen, nicht die Krankheit und ihre Folgen f\u00fcr die Betroffenen. Die bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum soviel Vorfreude? &#8222;Endemie&#8220;, das ist keine uns rettende Sakralslehre, wie&#8217;s zurzeit von mancher Seite her ert\u00f6nt. Es bedeutet nicht viel mehr, als dass das Virus unter uns ist, in unserer Mitte angekommen ist, und die Gesellschaft einen Modus gesucht und gefunden hat, damit umzugehen. Ob Sie oder ich diesen Modus im Detail gut finden oder wer von uns durch Lockerungen besonders gef\u00e4hrdet wird (wie aufgrund pers\u00f6nlicher Risikofaktoren, die sich keineR aussuchen kann), ist sekund\u00e4r. Leider. Seien Sie sich dessen bewusst: Die Gesellschaft wird das Virus \u00fcberleben. Keine Angst. Doch Sie oder ich? Das ist keine endemische Frage!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bleibt zu hoffen, dass der Krankheit reichtzeitig der Stachel gezogen wird. Denn die Endemie, die wird kommen. Das scheint fix. Wann genau? Das ist offen. Und bis zu einem gewissen Grad entscheiden wir das (noch) mit &#8211; solange sich das Gemeinwesen weiter auf Ma\u00dfnahmen verst\u00e4ndigt. Sobald (so gut wie) alles erlaubt ist, ist der Zug (wahrscheinlich) abgefahren. Es wird sich sp\u00e4ter keine Mehrheit mehr f\u00fcr striktere Ma\u00dfnahmen finden. Wir sollten daher nicht verfr\u00fcht eine Endemie herbeireden, blo\u00df weil wir uns nach zwei Jahren m\u00fchsamen Pandemie-Alltags alle reif f\u00fcr die Insel f\u00fchlen, sondern lieber \u00fcber unsere gemeinsame Zukunft diskutieren: Wie wollen wir leben? Das kann uns die Politik nicht abnehmen. Am Besten fangen wir mit den Nachbarn an, bevor die Urlaub fliegen. Das Klimaproblem ist ja ohnehin noch nicht gel\u00f6st&#8230;<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">P.S.: Gerade jene, die am lautesten nach R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t schreien, wie Ma\u00dfnahmengegner und Impfskeptikerinnen, w\u00e4ren gut beraten, sich das lieber noch einmal genauer zu \u00fcberlegen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Be careful what you wish for.<\/em><\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der H\u00f6hepunkt der aktuellen Welle ist noch nicht einmal erreicht &#8211; im Gegenteil, vielerorts explodieren die Infektionszahlen munter weiter &#8211; , schon werden erste Stimmen laut, bald sei es mit Corona vorbei. Unsere &#8222;alte Normalit\u00e4t&#8220; k\u00e4me uns zum Greifen nahe. 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