{"id":475,"date":"2014-05-02T21:32:59","date_gmt":"2014-05-02T19:32:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/?p=475"},"modified":"2021-11-01T08:19:45","modified_gmt":"2021-11-01T06:19:45","slug":"seit-1992-lehre-in-der-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/?p=475","title":{"rendered":"Seit 1992 Lehre in der Praxis"},"content":{"rendered":"<h1>Erfahrungen, Hinweise<br \/>\nund einige n\u00fctzliche Tipps<\/h1>\n<h4>Mein Weg zum Lehrpraxisleiter<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit nunmehr 28 Jahren f\u00fchre ich eine Kassenpraxis f\u00fcr Allgemeinmedizin am Rand einer Gro\u00dfstadt. Ab dem Jahr 1992 bin ich auch Inhaber einer Lehrpraxis, seither sind 30 Turnus\u00e4rtInnen und Turnus\u00e4rzte bei mir in Ausbildung gewesen, jeweils f\u00fcr einen Zeitraum zwischen 3 und 10 Monaten. Motivation, diese Zusatzarbeit auf mich zu nehmen, war meine eigene Lehrpraxiszeit am Land, die, da sie mitten im Turnus m\u00f6glich war, meine Ausbildungsziele wesentlich ver\u00e4nderte und somit neben den unerwarteten Erfahrungen auch dazu beigetragen hat, im Spital meine Weiterbildung endlich auf die Erfordernisse meines sp\u00e4ter geplanten Berufes als Hausarzt zu gestalten. Dies wollte ich nachkommenden j\u00fcngeren KollegInnen unbedingt erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bald war klar, dass eine solche verantwortungsvolle Aufgabe nicht ohne begleitende Qualifizierung f\u00fcr diese Lehrt\u00e4tigkeit m\u00f6glich war, um nicht die jungen Mediziner einfach zu Hilfsarbeitern und Zuschauer zu degradieren. Hier wird mangels klaren Vorgaben in unserem Land jeder selbst seinen Weg beschreiten m\u00fcssen und Kreativit\u00e4t und Selbstorganisation sind dabei sicher gefragt. In meinem Fall war es eine Tutorenausbildung bei Prof. Siebolds aus K\u00f6ln, die Moderatorenausbildung f\u00fcr Qualit\u00e4stzirkel der \u00d6GAM, eine hervorragendes Supervisoren-Semester der Medizinischen Universit\u00e4t Graz f\u00fcr Lehrpraxisleiter unter Ilse Hellemann und im Rahmen meiner Sporttrainerausbildung mehre Trainerworkshops der Bundessportorganisation zu den Themen Motivationsanalyse, Kommunikationsschulung und Didaktik, darunter auch ein einj\u00e4hriges Projekt zur Leistungsmotivation unter Prof. Amesberger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies f\u00fchrte schlie\u00dflich auch zur Einberufung in die Planungsgruppe f\u00fcr die Pflichtfamulatur im 6. Studienjahr des neuen Curriculums der Medizinischen Universit\u00e4t Graz. 100% unserer Absolventen sind so zumindest 4 Wochen im allgemeinmedizinischen Setting und manche bekommen erst so Lust und Interesse, in der Prim\u00e4rversorgung sp\u00e4ter t\u00e4tig zu werden. Die Universit\u00e4re Lehrpraxis kann im Gegensatz zum Turnus nur punktuell spezifische medizinische Fragestellungen und Krankheitsbilder aufarbeiten, aber 4 Wochen sind eine gute Zeit, einmal die Studierenden die speziellen komplexen und problemorientierten L\u00f6sungswege zu erleben, das vorher erlernte universit\u00e4re Wissen zu relativieren und zum Nutzen des Patienten individuell zusammenzusetzen. Au\u00dferdem sehen sie erstmals, dass \u201esoft-skills\u201c oft mehr bewirken als das Abarbeiten von \u201ehard facts\u201c.<\/p>\n<h4><strong>Lehre in im Versorgungsalltag?<\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist Lehre trotz \u00fcberbordender Arbeit, steigender B\u00fcrokratie und zeitlichem Druck als Einzelk\u00e4mpfer in einer Kassenpraxis f\u00fcr Allgemeinmedizin \u00fcberhaupt machbar? Dieser Einblick soll ermutigen, es trotzdem zu wagen. Ein gut geplantes strukturiertes Vorgehen bringt allen Beteiligten Vorteile und erm\u00f6glicht rasche Fortschritte. Kern einer erfolgreichen Lehrt\u00e4tigkeit mit immer neuen jungen Kolleginnen und Kollegen ist die allm\u00e4hliche Erarbeitung von Algorithmen, redundanten Handlungsanweisungen und auch schriftlichen Hilfsmitteln und Checklisten, die h\u00e4ufige und immer wieder auftretende Routine-Problemstellungen von vornherein strukturieren helfen. Ein kleines Handbuch mit Checklisten f\u00fcr Standardsituationen des Lehrbetriebes ist so entstanden und bei Gelegenheit sofort aus der Schublade zu ziehen und umzusetzen.<\/p>\n<h5><span style=\"text-decoration: underline;\">Einstieg<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon beim Einstieg der jungen Kollegen kann durch gute Vorbereitung jedesmal der Start reibungslos ablaufen, in wenigen Tagen eine vollst\u00e4ndige Integration ins Praxisteam stattfinden und die Patienten werden den Jungarzt\/die Jung\u00e4rztin rasch akzeptieren.<\/p>\n<h6 style=\"text-align: justify;\">Der Beginn einer neuen Lehrpraxiszeit<br \/>\n<span style=\"color: #5e8000;\">Aus:\u201eTipps und Tricks aus der Qualit\u00e4tszirkel-Kiste\u201c<\/span><\/h6>\n<blockquote>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\"><strong>Medizinische Checkliste<\/strong> zur Unterst\u00fctzung eines ersten Gespr\u00e4ches, in dem auf die Killer-Fehler bei der Arbeit hingewiesen wird (zb kein i.m. bei Marcoumar, Nadeln nicht in die H\u00fclle stecken, Algorithmus Nadelstichverletzungen etc)<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\"><strong>Organisatorische Checkliste<\/strong> f\u00fcr den Praxisalltag (Parkplatz, Schl\u00fcssel, Dienstzeit, pers\u00f6nlicher Bereich etc.)<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\"><strong>Internet-Zugangsregeln<\/strong><\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\"><strong>Wochenplan<\/strong>, in dem man die Pflichtzeiten und Bereitschaftszeiten eintragen kann<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\"><strong>Vorstellungsplakat<\/strong> im Wartezimmer und in der Anmeldung, pers\u00f6nliche <strong>Namensschilder<\/strong><\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\">Evtl. den vorherigen TA in seiner letzten Arbeitswoche schon den neuen TA einschulen lassen (z.B. EDV, Praxisablauf, Dokumentation etc.)<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein strukturierter Einstieg ist auch wichtig, da nicht nur die 1:1 Lehre als Ziel zu sehen ist, sondern das ganze Team ist Lehr- und Lernumgebung und sollte m\u00f6glichst reibungsfrei funktionieren trotz Einbindung eines\/einer zun\u00e4chst Praxisfremden. Der schnelle, gut strukturierte Einstieg ist wichtig, damit simple logistische Probleme nicht die Lehre hemmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das rasche \u00dcbernehmen von Teilverantwortung erh\u00f6ht auch den Lerneffekt, den der Assistent\/die Assistentin wird sich motivierter mit den Zielen der Ordination identifizieren.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h5><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00dcbergabe von Kompetenz und Verantwortung<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Anfang an beginnt ein Prozess der \u00dcbergabe von Verantwortung in verschiedensten Bereichen der Patientenbetreuung. Dies geht Hand in Hand mit einerseits der \u00dcberpr\u00fcfung vorbestehender Kompetenzen von der Universit\u00e4t und von vorher absolvierten Abteilungen her als auch darauf aufbauend mit der Vermittlung neuer Kompetenzen, die die Kernaufgaben des Faches Allgemeinmedizin darstellen. Dieses Hineinwachsen in die Aufgabe ist auch sichtbar am Platz, den der junge Assistent\/die junge Assistentin in der Ordination und bei Arbeitsabl\u00e4ufen einnimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird er am Anfang als \u201eBeiwagerl\u201c daneben sitzen und auf Aufforderung gewisse Untersuchungen machen und T\u00e4tigkeiten \u00fcbernehmen, kommt bald der Augenblick, wo der Assistent auf den Chefsessel wechselt und unter der Beobachtung und Unterst\u00fctzung des Mentors eigenst\u00e4ndiges Handeln ein\u00fcbt. Schritt f\u00fcr Schritt zieht sich der Lehrpraxisleiter aus dieser Triade Mentor-Turnusarzt-Patient zur\u00fcck und wird schlie\u00dflich haupts\u00e4chlich externer Beobachter, der mit verschiedenen didaktischen Hilfsmitteln die T\u00e4tigkeit des Assistenten analysiert und mit diesem danach unter 4 Augen gemeinsam reflektiert. Auch in der K\u00f6rpersprache wird dies dem Patienten zunehmend signalisiert. In dieser Phase wird der Turnusarzt immer h\u00e4ufiger auch in sein eigenes Sprechzimmer entsandt, um immer mehr Anteile einzelner Konsultationen selbst\u00e4ndig durchzuf\u00fchren, zun\u00e4chst unter strenger Berichtspflicht und abschlie\u00dfender Kontrolle des Lehrpraxisleiters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist Vertrauen in die F\u00e4higkeiten des Assistenten entstanden und hat man sich vor allem von seinen kommunikativen Strategien \u00fcberzeugt, kann man immer \u00f6fter auch bei komplexeren F\u00e4llen immer fr\u00fcher den Raum verlassen und diskutiert die Problematik am Ende oder danach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine weitere Stufe der Verantwortungs\u00fcbergabe erfolgt dann, wenn bestimmte Krankheitsbilder h\u00e4ufig gesehen und ausf\u00fchrlich besprochen worden sind. Jetzt bekommt die Ordinationshilfe bereits eine virtuelle Liste von Konsultationsanl\u00e4ssen, bei denen schon von vornherein die Patienten auf einer eigenen Warteliste dem Jungarzt\/der Jung\u00e4rztin zugewiesen werden (zb. Mittelohrentz\u00fcndungen im Winter oder Insektenstichreaktionen im Sommer). Sp\u00e4testens nach 3 Monaten sollte der Assistent alle diese Entwicklungsschritte durchlaufen haben. Um nicht die eine oder andere Thematik zu \u00fcbersehen, ist sp\u00e4testens dann eine Zwischenbilanz sinnvoll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres gro\u00dfes Ziel dieses Ausbildungsprojektes ist erreicht, wenn man den jungen Kollegen zutrauen kann, einen ganzen Vormittag die Praxis alleine zu f\u00fchren nur im Wissen, dass der Lehrpraxisleiter in einem Hinterzimmer eigene Arbeiten macht und bereit steht, grunds\u00e4tzlich aber keine Patienten betreut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur Kr\u00f6nung dieses Prozesses, die Entsendung zu einer weitgehend selbst\u00e4ndig durchgef\u00fchrten Visite, gibt es noch einige Informationen sp\u00e4ter in diesem Beitrag.<\/p>\n<h5><span style=\"text-decoration: underline;\">Formen der Lehre <\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wurde bisher beleuchtet, wie man den Turnusarzt\/die Turnus\u00e4rztin rasch in das Team integriert und in eine zunehmend verantwortliche Position einf\u00fcgt, m\u00f6chte ich hier noch auf einige Aspekte hinweisen, wie und wann konkrete Lehre und Unterweisung stattfindet. In einer beim Weltkongress der Allgemeinmedizin in Prag 2013 pr\u00e4sentierten Arbeit wurde dies sehr eindrucksvoll dargestellt: Man beobachtete Lehrgespr\u00e4che von der Kurzintervention in Form einer aufhellenden Frage zu einem Einzelaspekt bei der Untersuchung eines Patienten \u00fcber das konkrete Vorf\u00fchren und Unterweisen in verschiedene Untersuchungsg\u00e4nge bis zum expliziten Tutorial, bei dem ein gesamter Themenbereich des Faches Allgemeinmedizin im 4-Augengespr\u00e4ch abgearbeitet wird. Entscheidend ist, dass man diese Gelegenheiten dazu im gesamten Tagesablauf immer unterbringen kann. Dabei hilft einerseits ein gut strukturiertes Zeitmanagement in der Ordination (Warteliste, Teampausen, Pufferzeiten) und wenn in der Praxis eine Kultur der Lehre auch nach au\u00dfen sichtbar ist. Patienten nehmen es \u00fcberhaupt nicht \u00fcbel, wenn sie sehen, dass ihr Hausarzt sein Wissen weitergibt und die Jung\u00e4rztInnen aktiv in ihren Kompetenzen gef\u00f6rdert werden. Hervorragender Gespr\u00e4chsraum ist \u00fcbrigens die gemeinsame Fahrt von und zu Hausbesuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben diesen aktiven Ma\u00dfnahmen durch LehrpraxisleiterInnen gibt es auch einige M\u00f6glichkeiten durch Arbeiten, Studien und Beobachtungen die Jung\u00e4rztInnen zu motivieren, selbst neues aktuelles Wissen aber auch neue Erkenntnisse \u00fcber die Arbeit der Ordination selbst in die Praxis einzubringen.<\/p>\n<blockquote>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\">Die T\u00c4 <strong>Merkbl\u00e4tter erarbeiten lassen<\/strong> (zB Impfung, Borreliose, Patienteninfo \u00fcber Abl\u00e4ufe in der Praxis)<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\">T\u00c4 in der praxisinternen Fortbildung <strong>Themen referieren<\/strong> lassen<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\">T\u00c4 sofort in die w\u00f6chentliche Teambesprechung einbinden<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\">Jeden TA <strong>Verfahrensanleitungen<\/strong> und Algorithmen erarbeiten lassen, die in eine spezielle Mappe kommen, die zuk\u00fcnftigen T\u00c4 bereits als Anleitung dient<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\">Den TA an bestimmten Tagen <strong>\u201ePraktika\u201c absolvieren lassen,<\/strong> um Bereiche intensiver kennen zu lernen, die nicht unbedingt in der Praxis geschehen. Beispiele: Hauskrankenpflege, Physiotherapeutin, Schularzt, Arbeitsmedizin, Distriktsarzt, M\u00fctterberatung, Laborgemeinschaft. Ab und zu ist ein Tag ohne TA auch angenehm und die T\u00c4 haben solche Ausfl\u00fcge gern.<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\"><strong>Internet-Recherche und Entsendung zu Fortbildungen<\/strong>, um von dort zu berichten<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<\/blockquote>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h5><span style=\"text-decoration: underline;\">Formen des Karrieregespr\u00e4chs <\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gute Lehre findet aber nur statt, wenn regelm\u00e4\u00dfig evaluiert oder abgefragt wird, wie weit das Projekt \u201eHeranf\u00fchrung zur Allgemeinmedizin und St\u00e4rkung der haus\u00e4rztlichen Kompetenz\u201c vorangeschritten ist und welche Themen noch offen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum sollten wir da nicht, wie urspr\u00fcnglich vorgesehen, das <strong>Rasterzeugnis<\/strong> dazu heranziehen? Es bietet, solange es nicht offiziell ein neues Curriculum zum Facharzt f\u00fcr Allgemeinmedizin gibt, einen probaten Leitfaden, um die meisten Themenkreise unseres Faches abzuarbeiten. Dies kann in verschiedener Weise geschehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einfachste M\u00f6glichkeit der \u00dcberpr\u00fcfung der Vielfalt der eigenen Lehrt\u00e4tigkeit und der Fortschritte der Jung\u00e4rzte ist das <strong>Karrieregespr\u00e4ch<\/strong>. Erfahrungsgem\u00e4\u00df braucht man 3 Monate, um nur ann\u00e4hernd alle Aspekte allgemeinmedizinischen Handelns er\u00f6rtert oder angerissen zu haben. Ab dann sollten die jungen AssistentInnen eigene Aufgabenbereiche \u00fcbernehmen k\u00f6nnen und \u00fcber das Ma\u00df der reinen Ausbildung zu selbst\u00e4ndigen Wissenserwerb (z.B. durch Studien etc.) angeleitet werden. Es ist also eine sinnvolle Ma\u00dfnahme, nach etwa 2 Monaten, dem Jungarzt\/der Jung\u00e4rztin das Rasterzeugnis zu \u00fcbergeben und nach einigen Tagen eine gemeinsame Besprechung der Inhalte durchzuf\u00fchren. Dabei kann man zu zweit herausarbeiten, welche Themen noch nicht vorgekommen sind oder wo Verbesserungsbedarf auf Seiten der Lehr\u00e4rztInnen besteht. So kann man schon am n\u00e4chsten Tag die Einsatzgebiete der LehrassistentInnen ver\u00e4ndern oder z.B. die zuf\u00e4llig noch immer nicht stattgefundene Notfall\u00fcbung in der Praxis nachholen. Bisher fehlende Lehrinhalte k\u00f6nnen sofort als Priorit\u00e4ten gesetzt werden. Damit kann man auch gut organisatorisch L\u00fccken schlie\u00dfen. Z.B. kommt man drauf, dass wegen Terminkollisionen nie die Teilnahem an einer Mutter-Kind-Pa\u00df-Untersuchung m\u00f6glich war. Oder man kann pers\u00f6nliche fachliche Vorlieben von Assistenten herausfiltern und als Kontrapunkt dazu sie auf eher stiefm\u00fctterlich behandelte Bereiche hinf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich pers\u00f6nlich habe dies inzwischen durch einen <strong>begleitenden, strukturierten Dokumentations-Prozess<\/strong> erg\u00e4nzt und arbeite laufend \u201emein\u201c auf meine Ordination abgestimmtes kommentiertes Rasterzeugnis mit der Kollegin\/ dem Kollegen ab. Das sieht in meinem Fall folgenderma\u00dfen aus: \u00dcber die Jahre habe ich zu den einzelnen Punkten des Rasterzeugnisses stichwortartige Erl\u00e4uterungen oder Bemerkungen verfasst, die den Lernzielkatalog auf den gelebten Alltag meiner Praxis und meiner Arbeitsweisen und Ressourcen erg\u00e4nzen. Auch konnte ich wesentliche Punkte hinzuf\u00fcgen, wie zB. die Kapitel Fehlermanagement, Qualit\u00e4tssicherung, allgemeinmedizinische Forschung, work-life-balance etc. Dieses Word-Dokument wird immer wieder im Hintergrund meiner Praxissoftware am Desktop ge\u00f6ffnet und unterst\u00fctzt Tutorials und hilft, diese strukturieren. Das Besprochene wird dann in dem Dokument in eine andere Farbe umgef\u00e4rbt. So entsteht eine Auflistung der bereits erarbeiteten Inhalte und das, was noch zu erledigen ist, bleibt schwarz. Jederzeit ist so der aktuelle Ausbildungsstand abrufbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich diese kooperative Dokumentation der Lehrinhalte und des Lernfortschrittes nicht antun m\u00f6chte, kann auch seinen Assistenten\/seine Assistentin ein Logbuch f\u00fchren lassen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass solche alleine durchgef\u00fchrten Aufzeichnungen sehr von der Tagesverfassung und dem Arbeitsdruck abh\u00e4ngen und oft wesentliche Inhalte auf der Metaebene unseres Faches \u00fcbersehen.<\/p>\n<h5><span style=\"text-decoration: underline;\">Beziehungsdynamiken, die genutzt werden<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind diese Integrationsschritte einmal erfolgreich geleistet, kann man zus\u00e4tzlich die verschiedenen Beziehungsebenen in einer allgemeinmedizinischen Praxis weiter n\u00fctzen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Triade Mentor \u2013 Assistent \u2013 Patient ist ein wertvolles Biotop, in dem gegenseitige Beobachtung, Reflexion und offenes Fragen wesentliche Erkenntnisse der Arztpatientenbeziehung besser aufdeckt als jede theoretische Vorlesung oder gestelltes Rollenspiel. Dazu ist von vornherein auf ein offenes Klima f\u00fcr Lehre in der Praxis zu sorgen, sodass die Patienten in diesem Prozess eine besondere Wertsch\u00e4tzung erleben und erkennen, dass man sich in dieser Ordination besonders um sie k\u00fcmmert. Hilfreich dabei sind nat\u00fcrlich Hinweisschilder und Vorstellungsplakate in Anmeldung und Wartezimmer und auch die Bekanntgabe von besonderen Leistungen und Aktionen der Praxis und seiner Mitarbeiter und LehrassistentInnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der singul\u00e4re Kontakt des Jungarztes mit einzelnen Patienten in einem eigenen Sprechzimmer f\u00fchrt durch oft v\u00f6llig andere Zug\u00e4nge bei individuellen Fragestellungen anders als in gewohnten sonstigen Kontakten zu oft v\u00f6llig neuen Erkenntnissen und neuer Bewertung der Beschwerden durch den Patienten und des universit\u00e4ren Wissens durch den Jungarzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Beziehung Jungarzt\/Jung\u00e4rztin zur Ordinationshilfe ist ein wertvolles Lernfeld. Hier kann vermittelt werden, dass auch andere Mitarbeiter anderer Gesundheitsberufe Kompetenzen einbringen, die man zumindest ansatzweise wissen sollte und man ber\u00fccksichtigen sollte, dass die eigene Arbeit oft nur so zufriedenstellend gelingen kann. Auch zwischen diesen beiden kann Wissensaustausch stattfinden und somit Qualit\u00e4tsverbesserung und Kompetenzerweiterung. Nicht zu untersch\u00e4tzen die damit verbundene Steigerung der Wertsch\u00e4tzung der Mitarbeiterinnen.<\/p>\n<h5><span style=\"text-decoration: underline;\">Sonderfall Visite<\/span><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Jahren wird unter Lehrpraxisleitern diskutiert, ob und wieweit man Jung\u00e4rztInnen auf Visite schicken kann. Engagierte KollegInnen haben in einem Qualit\u00e4tszirkel sich Kriterien erarbeitet, wie dies sicher und ohne wesentliche Risiken geschehen kann. Nat\u00fcrlich gilt wieder das Prinzip \u201eSchritt f\u00fcr Schritt von der Leine lassen\u201c. Also Beginn mit reinen \u201ehandwerklichen\u201c Visiten mit klar umgrenzten Aufgaben wie Laborabnahmen, Zuckermessung, Verbandswechsel etc, wie es auch Ordinationshilfen machen k\u00f6nnen. Dann Kontrollvisiten nach gemeinsamen Erstvisiten, dann allm\u00e4hlich einzelne Visiten zu schon am Telefon eindeutig vortriagierten F\u00e4llen mit klar umgrenzten Fragestellungen. Aber bei im Turnus fortgeschrittenen KollegInnen, die vielleicht bald das Ius practicandi erhalten, k\u00f6nnen schlie\u00dflich durchaus unselektiert Patienten besucht werden. Entscheidend ist die R\u00fcckversicherungsm\u00f6glichkeit beim Lehrpraxisleiter,<\/p>\n<h6>Die Visite in der Lehrpraxis<br \/>\n<span style=\"color: #5e8000;\">Aus \u201eTipps und Tricks aus der Qualit\u00e4tszirkel-Kiste\u201c<\/span><\/h6>\n<blockquote>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\"><strong>Vorbesprechung<\/strong> ist wichtig, der Lehrpraxisleiter kennt Patienten und Umfeld und kann de Jungarzt auf Eventualit\u00e4ten vorbereiten. Auch vorbesprechen, auf welchem Wege R\u00fcckfragen m\u00f6glich sind, wenn der TA vor Ort ist.<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\"><strong>Kartei<\/strong>? Als sinnvoll wurde erachtet, dem TA einen Karteiauszug oder ein \u201ePatientenblatt\u201c mitzugeben, auf dem die letzten Konsultationen, Dauerdiagnosen, Dauermedikamente und Risiko-Hinweise vermerkt sind. \u00dcbrigens sind die meisten EDV-Programme dazu in der Lage; <\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\">Als <strong>Ausr\u00fcstung<\/strong> sollte der TA einen eigenen Visitenkoffer haben, den er selbst immer wartet und auf dem neuesten Stand h\u00e4lt. Vorbild ist der Koffer des Chefs in reduzierter Version.<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\">Welches <strong>Auto<\/strong> ben\u00fctzt wird, ist eine Frage der Organisation (mit 2 Autos lassen sich Visiten parallel machen) und der Versicherung. Eine Kurzkaskoversicherung w\u00e4re eine L\u00f6sung, wenn der TA sein Auto ben\u00fctzt. Ein 2.Auto sollte bereit sein (notfalls der Ordinationshilfe), falls man nachberufen wird<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\"><strong>Unerwartete Situationen<\/strong> sind nie ganz auszuschlie\u00dfen. Am ehesten, wenn man die Turnus\u00e4rzte nur zu geplanten Situationen schickt. Allerdings <strong>conditio sine qua non ist die st\u00e4ndige Erreichbarkeit des Lehrpraxisleiters \u00fcber Handy !!<\/strong> Dieser sollte auch in einer angemessen kurzen Entfernung sein und nicht am anderen Ende seines Hausbesuchsreviers!<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\">Auch <strong>unerwartete zus\u00e4tzliche Patienten<\/strong> sollten vom Turnusarzt nur \u00fcbernommen werden, wenn eine klare R\u00fcckmeldung an den Lehrpraxisleiter erfolgt ist.<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\"><strong>Neuverordnungen von Medikamenten<\/strong> durch den Turnusarzt sollten nur nach Absch\u00e4tzung seiner bisherigen Erfahrungen zugelassen werden. Besser ist der Vorschlag bei der Nachbesprechung und evtl. eine zweite Visite durch den TA am n\u00e4chsten Tag.<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\"><strong>Notf\u00e4lle:<\/strong> Schon am Beginn der 6 Monate Lehrpraxis sollte eine Praxisnotfall\u00fcbung stattfinden, auch damit der TA wei\u00df, wo alles ist.<\/span><\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #5e8000;\">Der Turnusarzt sollte gerade bei der Visite zu einer genauen und detaillierten <strong>Dokumentation<\/strong> angehalten werden. Die erh\u00f6hte Verantwortung als de facto alleine Handelnder l\u00e4sst mehr Dinge \u00fcberlegen, als im gesch\u00fctzten Bereich der Ordination.<\/span><\/li>\n<\/ul>\n<\/blockquote>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h4><strong>Resumee<\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit diesem kurzen Exkurs in die langj\u00e4hrigen Gepflogenheiten einer Lehrpraxis m\u00f6chte ich sowohl niedergelassenen Kollegen als auch f\u00fcr unser Fach neugierige Kollegen ermutigen, diesen lohnenden Weg der intensiven 1:1 Lehre zu beschreiten, auch wenn uns von allen Seiten seit Jahren Pr\u00fcgel vor die F\u00fc\u00dfe geworfen werden. Viele andere Berufsgruppen erachten solche Lehr-Lernmodelle bereits als essentiell, um den Nachwuchs qualitativ besser und praxisnaher auszubilden und das umfangreiche Erfahrungswissen nicht mit Eintritt der Pension ohne Nachfolge verschwinden zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em><span style=\"color: #759d1d;\">Schlussendlich soll dieser Beitrag aber auch ein weiteres Manko ausgleichen: So wie der Allgemeinheit und vor allem den Entscheidungstr\u00e4gern nicht wirklich bekannt ist, was hinter den geschlossenen T\u00fcren unserer Sprechzimmer stattfindet, wissen auch diejenigen, die offiziell \u00fcber die Rahmenbedingungen unserer Ausbildung inhaltlich und finanziell entscheiden nicht, was in einer guten, qualit\u00e4tsgesicherten Lehrpraxis tats\u00e4chlich abl\u00e4uft und welches Potential dieses Mentorensystem tats\u00e4chlich hat. <\/span><\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em><span style=\"color: #759d1d;\">M\u00f6ge dieser Beitrag ein Denkansto\u00df sein, diese Form der Weitergabe von Wissen zu f\u00f6rdern und auszubauen, damit auch in Zukunft wohnortnahe, patientenzentrierte medizinische Versorgung rasch und professionell, aber auch menschlich und psychosozial angemessen stattfinden kann. Ansonsten sind Reformtr\u00e4ume Umsetzungssch\u00e4ume.<\/span><\/em><\/strong><br \/>\n<strong><em><span style=\"color: #759d1d;\">Und schlie\u00dflich sei allen ma\u00dfgeblichen Entscheidungstr\u00e4gern noch ins Stammbuch geschrieben: Wem hilft das Ganze am meisten? Dem Patienten!<br \/>\n<\/span><\/em><\/strong><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">Dr. Michael Wendler<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erfahrungen, Hinweise und einige n\u00fctzliche Tipps Mein Weg zum Lehrpraxisleiter Seit nunmehr 28 Jahren f\u00fchre ich eine Kassenpraxis f\u00fcr Allgemeinmedizin am Rand einer Gro\u00dfstadt. Ab dem Jahr 1992 bin ich auch Inhaber einer Lehrpraxis, seither sind 30 Turnus\u00e4rtInnen und Turnus\u00e4rzte bei mir in Ausbildung gewesen, jeweils f\u00fcr einen Zeitraum zwischen 3 und 10 Monaten. Motivation, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/?p=475\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Seit 1992 Lehre in der Praxis<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1727,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[23,189],"tags":[102,80,105,163,165,103],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/475"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=475"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/475\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1796,"href":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/475\/revisions\/1796"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1727"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=475"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=475"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lehrpraxis.or.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=475"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}